AntifaErz digitiert zu ‚Spektrum 360′

Hiermit geben wir bekannt, uns nach 4 Jahren als Antifa-Gruppe im Erzgebirge umzubenennen. Nein, das ist keine direkte Auflösung. Vielmehr handelt es sich um eine Neustrukturierung und Umorientierung, deren wichtigsten Grund ihr jetzt erfahren werdet.

Wir werden gleich mal konkret. Der Grund für die Neustrukturierung ist die Tatsache, dass „Antifa“ für uns kein zeitgemäßes Konzept mehr darstellt. Klar, Antifaschismus ist bitter notwendig, keine Frage. Allerdings stellten wir uns oft die Frage, wie wir im konservativ geprägten Erzgebirge linke und linksradikale Inhalte an die Menschen bringen können, wenn diese allein mit unserem Namen Gewalt und Hass assoziieren. Kritik von ‚‘der Antifa'‘ wird mundtot gemacht oder gleich ignoriert. „Ihr seid nicht besser als die Nazis!“, „Ihr schlagt doch eh alles klein, warum mit euch reden?“ Es ist nun mal so, dass der Begriff „Antifa“, vor allem in ländlichen Gebieten, mittlerweile durch zahllose Ereignisse negativ besetzt ist.
Auf diese Weiße ist kein öffentlicher Diskurs möglich.

Hinzu kommt für uns das bestehende Problem der Anonymisierung und Abschottung durch pure Antifa-Arbeit. Wir aber möchten offen sein für die, die sich organisieren wollen und für die, welche von Repression, sozialer Ungerechtigkeit, Leistungszwang, Verdrängung, etc. betroffen sind. Wir möchten gemeinsam kämpfen und solidarisch miteinander umgehen.

Ein letzter Punkt ist Kritik an uns selbst. Zu sehr haben wir uns an rechten Mobilisierungen orientiert und Feuerwehrpolitik betrieben, zu sehr haben wir uns oft nur mit Antifaschismus auseinandergesetzt und ebenfalls wichtige Themen hinten an gestellt und zu sehr die Symptome anstatt der Ursachen bekämpft. Das möchten wir in Zukunft gern etwas anders angehen. Doch dazu bald mehr. Selbstverständlich lassen wir die Nazis nicht in Ruhe und werden unter anderem auch unsere Chronik über rechte Angriffe und Aktivitäten weiterführen.

Kurz: Wir möchten versuchen, auf anderen Wegen unsere Inhalte und das, woran wir glauben, zu vertreten, zu erkämpfen und zu etablieren.

In den nächsten Wochen arbeiten wir an eigenem Material und einer neuen Webpräsenz. Seid also etwas nachsichtig. Den neuen Blog werden wir hier noch verlinken. :)

Das war’s von uns.

Antifaschistische Aktion Erzgebirge

Antifa-Chronik 2016

Bittesehr! Unsere jährliche Chronik über rechtsradikale Aktivitäten und Gewalttaten im Erzgebirgskreis.

Hier geht´s zur Chronik.

Vermehrt auf Dialoge setzen

Resultierend aus kräftezehrenden Abwehrkämpfen, der Überforderung vieler Genoss*Innen durch gleichzeitige, kontinuierliche Arbeit in mehreren Bereichen und dem Rückzug in die eigenen Komfortzonen befindet sich die deutsche Linke seit geraumer Zeit in einer Art Schockstarre und Perspektivlosigkeit. Ohne allzu große Umschweife wollen wir in diesem Text auf eine Form antifaschistischer Arbeit eingehen, die unserer Meinung nach in weiten Teilen der (u.a. radikalen) Linken zu sehr vernachlässigt wird oder längst abgeschrieben ist – der Dialog mit Menschen, die andere politische Ansichten vertreten.

In Zeiten von salonfähigem Rassismus und einer erstarkten (neuen) Rechten braucht es eine linke Bewegung, die diesem Treiben etwas wirkungsvolles entgegensetzt. Allerdings reicht es bei weitem nicht aus, AfD-Veranstaltungen zu stören, Nazis zu enttarnen oder die gesamten Kräfte in antifaschistischen Großevents zu verheizen. Ja, dieser Text wird sicherlich vielen bitter aufstoßen aber was in unseren Augen noch bitterer ist, ist die Tatsache des Verlustes sachlicher Dialoge mit politisch anderweitig Orientierten. Viele linke und antifaschistische Kräfte haben sich mittlerweile in ihre Kieze oder alternativen Zentren zurückgezogen und praktizieren dort gesellschaftliche Abgrenzung gegenüber Außenstehenden. Wir sprechen linksalternativen Vierteln keinesfalls ihre Wirksamkeit ab, befinden es jedoch für wichtiger, für die Menschen ansprechbar zu sein, die wir erreichen möchten. Die Wähler*Innenschaft von CDU/ CSU oder AfD pauschal als Rassist*Innen abzustempeln, ist einfach, mit ihnen in eine sachliche Diskussion zu treten, für manche dagegen schon schwieriger.
„Wenn wir etwas gewinnen wollen, müssen wir uns auch mit denjenigen auseinandersetzen, die viele Linke allzu gerne verteufeln oder über die sie sich lustig machen. Ein moralisches »Wir sind besser als ihr« aus unserem kleinen Szene-Elfenbeinturm wird uns da keinen Schritt weiterbringen.“(1)
Versteht uns nicht falsch, wir meinen nicht, dass ihr mit führenden Rassist*Innen oder Faschist*Innen diskutieren sollt. Gemeint sind Wähler*Innen aus Prekariat und Proletariat, die es zu überzeugen gilt.

Nicht vergessen werden sollte, wofür linke Politik steht und wie wir unsere Ziele erreichen können – nämlich nur, wenn wir uns auf Augenhöhe mit der Bevölkerung bewegen und unsere Standpunkte verständlich sowie sachlich vermitteln. „Das erfordert Prozesse auf zwei Ebenen: Zum einen die Auseinandersetzung mit eigenen Ängsten und Schwächen und zum anderen die Diskussion der Frage, wie revolutionäre Inhalte so vermittelt werden können, dass sie als relevant betrachtet und empfunden werden.“(2)
Hierfür ist es notwendig, aus den eigenen Komfortzonen herauszutreten, gemeinsame Erfahrungen zu sammeln und gemeinsam zu kämpfen. „Gleichzeitig müssen Atmosphären geschaffen werden, in denen wir offen und ehrlich unsere Unsicherheiten, Ängste und (Selbst-)Kritik äußern können.“(3)

Gesellschaftliche Veränderungen können nur erfolgreich sein, wenn sie Ausdruck einer breiten gesellschaftlichen Bewegung sind. „Revolutionäre Kämpfe und Umwälzungen können der Gesellschaft nicht von einzelnen politischen Gruppierungen oder Führer_innen aufgezwungen werden. Diese können nur erfolgreich sein, wenn sie Ausdruck einer breiten gesellschaftlichen Bewegung sind. Entsprechend kann revolutionäre Politik nichts anderes bedeuten, als sich innerhalb der Gesellschaft zu bewegen, den Kontakt zur Bevölkerung zu suchen und sich auch auf die Widersprüche einzulassen, die wir dort vorfinden. Hierfür ist es notwendig die Selbstisolierung und subkulturelle Ausrichtung linksradikaler Politik hinter sich zu lassen, sich als Teil der Gesellschaft zu verorten und mit Menschen beständig in einen „geduldigen Dialog“ zu treten.“(4)

(1) (http://lowerclassmagazine.blogsport.eu/2016/09/wir-muessen-ansprechbar-sein/)
(2), (3), (4) http://lowerclassmagazine.blogsport.eu/2016/07/fuer-eine-grundlegende-neuausrichtung-linksradikaler-politik/

Mahnung und Gedenken der Reichspogromnacht!

Am Abend des 09. November erreichte der Antisemitismus in Deutschland seinen vorläufigen „Höhepunkt“. In Annaberg-Buchholz verwüsteten die Faschisten mehrere jüdische Geschäfte, sowie die Synagoge in der Buchholzer Straße. Der Friedhof der „Israelitischen Relegionsgemeinde“ wurde geschändet, verwüstet und am Morgen des 10. November auch die zugehörige Feierhalle gesprengt. Doch damit nicht genug – Mehrere jüdische Bürger*Innen wurden von der GeStaPo verhaftet, verhört und zum Teil deportiert.

Gewalttätige Übergriffe, Arbeitsverbote, die Kennzeichnungspflicht mit einem gelben Stern und viele weitere Repressalien mussten Jüdinnen und Juden jahrelang erdulden, bis sie letztendlich in verschiedene Vernichtungslager deportiert wurden. Schätzungen zufolge sollen auch mindestens 14 jüdische Menschen aus Annaberg-Buchholz in Lagern umgekommen sein.

Um den Opfern dieser Zeit zu gedenken und an die Taten der Faschisten zu erinnern, laden wir, gemeinsam mit den Genoss*Innen der Linksjugend Erzgebirge und der Partei Die LINKE, zu einem Mahngang, im Gedenken an die Reichspogromnacht 1938, ein.

Wir treffen uns am 12. November, 14 Uhr auf dem Parkplatz, gegenüber des Erzgebirgsklinikums.

Deutschland ist wieder homo!

Heute, am dritten Oktober, zelebrieren wieder bundesweit die deutschen Bürger*Innen den Tag der Vereinigung von BRD und ehemaliger DDR. In vielen Hinsichten ist dies ein fragwürdiger Anlass zum feiern, dem bereits vor 26 Jahren Europas Nationen mit Sorge über ein neues Deutschland mit Vormachtansprüchen gegenüberstanden.

Die frühere DDR-Bevölkerung hingegen war schon damals euphorisiert, endlich in einem geeinten Land zu leben. Für sie hat die Wende mehr demokratische und libertäre Rechte gebracht und langfristig eine Verbesserung der wirtschaftlichen Lage.
Wenig verwunderlich ist also, dass sich die meisten DDR-Bürger*Innen über die Wiedervereinigung und den damit verbundenen Fall der Mauer freuten. Umso paradoxer erscheint es wiederum, dass gerade in diesem Teil der Bundesrepublik Menschen gegenüber ebenfalls Freiheitssuchenden so feindlich gesinnt sind wie nirgendwo sonst. Zum einen das Ende der eigenen Unfreiheit zu bejubeln aber anderen die gleiche Reise- und Wohnfreiheit abzusprechen, ist eine mehr als offensichtliche Doppelmoral. Vielleicht ist es so etwas wie ein immer noch bestehender Drang nach Emanzipation, den viele der besorgten Ex-Ost-Bürger*Innen damit illussorisch zu befriedigen versuchen, indem sie ihre bestehende, eigene Benachteiligung gegenüber marktwirtschaftlichen Akteur*Innen mit Entrechtung „Fremder“ kompensieren. Macht das PEGIDA, AfD und Co. zu emanzipatorischen Bewegungen?
Im Gegenteil, denn indem sie dem gemeinen Pöbel vorgaukeln, dass ein Mehr an Rechten gegenüber einer Minderheit auch eine Emanzipation seiner Selbst bedeuten müsse, schwächen sie dessen Streben nach tatsächlicher Mehrberechtigung und diskriminieren zusätzlich Unbeteiligte.

Überhaupt, nach denen fragt am Tag der Einheit keine*r. Die Anzahl der Auslandseinsätze der Bundeswehr sind nach der Wiedervereinigung quasi explodiert, mit vermutlich eher ungünstigen Folgen für die Bewohner*Innen betroffenen Auslands. Auch in der EU ist Deutschland mehr und mehr zu einer Übermacht geraten, letztlich konnte es (bzw. die Bundesregierung) sogar aktiv in die Innenpolitik von EU-Mitgliedsstaaten wie Griechenland eingreifen. Während die frühere DDR enorme Aufbauhilfen von Seiten des Weststaates erfuhr, wurden die anderen Ostblock-Länder sich größtenteils selbst überlassen. Für den Nachbarn Deutschland brachte das den Vorteil, dass sich zum einen ein neuer Markt eröffnete und andererseits billige Arbeitskräfte einer maroden Wirtschaft wie Polen oder Tschechien sich willig ausbeuten liesen.
Am meisten profitiert haben so oder so die großen Konzerne, der Binnenmarkt weitete sich aus, Millionen qualifizierter, erwerbsloser Arbeitskräfte drückten das Lohnniveau und staatliche Subventionen brachten bei Ansiedlungen oder Aufträgen sicherlich nicht zu wenig Profit.
Wenn man die Wiedervereinigung begeht, ist das einzige worüber man sich definitiv freuen kann, der arbeitsfreie Tag. Ansonsten sollte man sich immer wieder ins Gedächtnis rufen, dass neben dem für viele Menschen angenehmen Gefühl nationaler Vollständigkeit auch folgenschwere Fehler und Ungerechtigkeiten durch dieses Ereignis entstanden sind und vor allem muss hinterfragt werden, wie feierlich es sein kann, wenn man selbst die Freiheit immer wieder als Kernaussage der Wiedervereinigung betont, aber anderen nicht einmal die Freiheit gewährt, zeitweilig in diesem Land Schutz zu finden.