Deutschland ist wieder homo!

Heute, am dritten Oktober, zelebrieren wieder bundesweit die deutschen Bürger*Innen den Tag der Vereinigung von BRD und ehemaliger DDR. In vielen Hinsichten ist dies ein fragwürdiger Anlass zum feiern, dem bereits vor 26 Jahren Europas Nationen mit Sorge über ein neues Deutschland mit Vormachtansprüchen gegenüberstanden.

Die frühere DDR-Bevölkerung hingegen war schon damals euphorisiert, endlich in einem geeinten Land zu leben. Für sie hat die Wende mehr demokratische und libertäre Rechte gebracht und langfristig eine Verbesserung der wirtschaftlichen Lage.
Wenig verwunderlich ist also, dass sich die meisten DDR-Bürger*Innen über die Wiedervereinigung und den damit verbundenen Fall der Mauer freuten. Umso paradoxer erscheint es wiederum, dass gerade in diesem Teil der Bundesrepublik Menschen gegenüber ebenfalls Freiheitssuchenden so feindlich gesinnt sind wie nirgendwo sonst. Zum einen das Ende der eigenen Unfreiheit zu bejubeln aber anderen die gleiche Reise- und Wohnfreiheit abzusprechen, ist eine mehr als offensichtliche Doppelmoral. Vielleicht ist es so etwas wie ein immer noch bestehender Drang nach Emanzipation, den viele der besorgten Ex-Ost-Bürger*Innen damit illussorisch zu befriedigen versuchen, indem sie ihre bestehende, eigene Benachteiligung gegenüber marktwirtschaftlichen Akteur*Innen mit Entrechtung „Fremder“ kompensieren. Macht das PEGIDA, AfD und Co. zu emanzipatorischen Bewegungen?
Im Gegenteil, denn indem sie dem gemeinen Pöbel vorgaukeln, dass ein Mehr an Rechten gegenüber einer Minderheit auch eine Emanzipation seiner Selbst bedeuten müsse, schwächen sie dessen Streben nach tatsächlicher Mehrberechtigung und diskriminieren zusätzlich Unbeteiligte.

Überhaupt, nach denen fragt am Tag der Einheit keine*r. Die Anzahl der Auslandseinsätze der Bundeswehr sind nach der Wiedervereinigung quasi explodiert, mit vermutlich eher ungünstigen Folgen für die Bewohner*Innen betroffenen Auslands. Auch in der EU ist Deutschland mehr und mehr zu einer Übermacht geraten, letztlich konnte es (bzw. die Bundesregierung) sogar aktiv in die Innenpolitik von EU-Mitgliedsstaaten wie Griechenland eingreifen. Während die frühere DDR enorme Aufbauhilfen von Seiten des Weststaates erfuhr, wurden die anderen Ostblock-Länder sich größtenteils selbst überlassen. Für den Nachbarn Deutschland brachte das den Vorteil, dass sich zum einen ein neuer Markt eröffnete und andererseits billige Arbeitskräfte einer maroden Wirtschaft wie Polen oder Tschechien sich willig ausbeuten liesen.
Am meisten profitiert haben so oder so die großen Konzerne, der Binnenmarkt weitete sich aus, Millionen qualifizierter, erwerbsloser Arbeitskräfte drückten das Lohnniveau und staatliche Subventionen brachten bei Ansiedlungen oder Aufträgen sicherlich nicht zu wenig Profit.
Wenn man die Wiedervereinigung begeht, ist das einzige worüber man sich definitiv freuen kann, der arbeitsfreie Tag. Ansonsten sollte man sich immer wieder ins Gedächtnis rufen, dass neben dem für viele Menschen angenehmen Gefühl nationaler Vollständigkeit auch folgenschwere Fehler und Ungerechtigkeiten durch dieses Ereignis entstanden sind und vor allem muss hinterfragt werden, wie feierlich es sein kann, wenn man selbst die Freiheit immer wieder als Kernaussage der Wiedervereinigung betont, aber anderen nicht einmal die Freiheit gewährt, zeitweilig in diesem Land Schutz zu finden.