Archiv für Dezember 2016

Vermehrt auf Dialoge setzen

Resultierend aus kräftezehrenden Abwehrkämpfen, der Überforderung vieler Genoss*Innen durch gleichzeitige, kontinuierliche Arbeit in mehreren Bereichen und dem Rückzug in die eigenen Komfortzonen befindet sich die deutsche Linke seit geraumer Zeit in einer Art Schockstarre und Perspektivlosigkeit. Ohne allzu große Umschweife wollen wir in diesem Text auf eine Form antifaschistischer Arbeit eingehen, die unserer Meinung nach in weiten Teilen der (u.a. radikalen) Linken zu sehr vernachlässigt wird oder längst abgeschrieben ist – der Dialog mit Menschen, die andere politische Ansichten vertreten.

In Zeiten von salonfähigem Rassismus und einer erstarkten (neuen) Rechten braucht es eine linke Bewegung, die diesem Treiben etwas wirkungsvolles entgegensetzt. Allerdings reicht es bei weitem nicht aus, AfD-Veranstaltungen zu stören, Nazis zu enttarnen oder die gesamten Kräfte in antifaschistischen Großevents zu verheizen. Ja, dieser Text wird sicherlich vielen bitter aufstoßen aber was in unseren Augen noch bitterer ist, ist die Tatsache des Verlustes sachlicher Dialoge mit politisch anderweitig Orientierten. Viele linke und antifaschistische Kräfte haben sich mittlerweile in ihre Kieze oder alternativen Zentren zurückgezogen und praktizieren dort gesellschaftliche Abgrenzung gegenüber Außenstehenden. Wir sprechen linksalternativen Vierteln keinesfalls ihre Wirksamkeit ab, befinden es jedoch für wichtiger, für die Menschen ansprechbar zu sein, die wir erreichen möchten. Die Wähler*Innenschaft von CDU/ CSU oder AfD pauschal als Rassist*Innen abzustempeln, ist einfach, mit ihnen in eine sachliche Diskussion zu treten, für manche dagegen schon schwieriger.
„Wenn wir etwas gewinnen wollen, müssen wir uns auch mit denjenigen auseinandersetzen, die viele Linke allzu gerne verteufeln oder über die sie sich lustig machen. Ein moralisches »Wir sind besser als ihr« aus unserem kleinen Szene-Elfenbeinturm wird uns da keinen Schritt weiterbringen.“(1)
Versteht uns nicht falsch, wir meinen nicht, dass ihr mit führenden Rassist*Innen oder Faschist*Innen diskutieren sollt. Gemeint sind Wähler*Innen aus Prekariat und Proletariat, die es zu überzeugen gilt.

Nicht vergessen werden sollte, wofür linke Politik steht und wie wir unsere Ziele erreichen können – nämlich nur, wenn wir uns auf Augenhöhe mit der Bevölkerung bewegen und unsere Standpunkte verständlich sowie sachlich vermitteln. „Das erfordert Prozesse auf zwei Ebenen: Zum einen die Auseinandersetzung mit eigenen Ängsten und Schwächen und zum anderen die Diskussion der Frage, wie revolutionäre Inhalte so vermittelt werden können, dass sie als relevant betrachtet und empfunden werden.“(2)
Hierfür ist es notwendig, aus den eigenen Komfortzonen herauszutreten, gemeinsame Erfahrungen zu sammeln und gemeinsam zu kämpfen. „Gleichzeitig müssen Atmosphären geschaffen werden, in denen wir offen und ehrlich unsere Unsicherheiten, Ängste und (Selbst-)Kritik äußern können.“(3)

Gesellschaftliche Veränderungen können nur erfolgreich sein, wenn sie Ausdruck einer breiten gesellschaftlichen Bewegung sind. „Revolutionäre Kämpfe und Umwälzungen können der Gesellschaft nicht von einzelnen politischen Gruppierungen oder Führer_innen aufgezwungen werden. Diese können nur erfolgreich sein, wenn sie Ausdruck einer breiten gesellschaftlichen Bewegung sind. Entsprechend kann revolutionäre Politik nichts anderes bedeuten, als sich innerhalb der Gesellschaft zu bewegen, den Kontakt zur Bevölkerung zu suchen und sich auch auf die Widersprüche einzulassen, die wir dort vorfinden. Hierfür ist es notwendig die Selbstisolierung und subkulturelle Ausrichtung linksradikaler Politik hinter sich zu lassen, sich als Teil der Gesellschaft zu verorten und mit Menschen beständig in einen „geduldigen Dialog“ zu treten.“(4)

(1) (http://lowerclassmagazine.blogsport.eu/2016/09/wir-muessen-ansprechbar-sein/)
(2), (3), (4) http://lowerclassmagazine.blogsport.eu/2016/07/fuer-eine-grundlegende-neuausrichtung-linksradikaler-politik/